Unsichtbare Hand, zweite Natur

Vom Walten des Systems

Einst arbeitete die bürgerliche Philosophie, namentlich die der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, den Wesensunterschied der Begriffe Natur und Gesellschaft heraus, noch bevor sich vor allem im 19. Jahrhundert die Einzelwissenwissenschaften als solche konstituierten. In dem Maße, wie sich diese Philosophie und ihr revolutionäres Freiheitsversprechen in Ideologie transformierte, wurde die gegebene Gesellschaft als Natur verklärt, Wissenschaft verengte sich ihrerseits auf positivistische Erkenntnis.

Gesellschaft – Erkenntnis – Modell – Natur

Die bürgerliche Gesellschaft bietet sich dar und inszeniert sich als das Normale, das nicht weiter Erklärungsbedürftige, als naturgegeben, alternativlos. Gerhard Stapelfeldt zeichnet nach, wie sich dieses Selbstbild (und Wunsch- wie auch Trugbild) historisch-philosophisch über die vergangenen Jahrhunderte entwickelt hat.

"Sie wissen das nicht, aber sie tun es"

Wir runden den Vortrag Stapelfeldts ab mit einem kürzeren, aber sehr prägnanten Traktat von Gerhard Scheit, der abermals dem Rätsel jener zweiten, gesellschaftlichen Natur nachspürt, dem "automatischen Subjekt". Damit sind es der Metaphern schon vier, mit denen – sei es in affirmativer, sei es in kritischer Absicht – immer wieder versucht wurde, die ominöse Selbstläufigkeit der bürgerlichen Gesellschaft auf den Begriff zu bringen: die schon in der Antike thematisierte "Zweite Natur" der Menschen, später jene "unsichtbare Hand" des Marktes (Adam Smith), diese "List der Vernunft" (Hegel), schließlich das "automatische Subjekt" der kapitalistischen Wertverwertung (Marx). Jeweils synthetisiert sich das konforme, atomisierte Handeln der Einzelnen demnach in gesellschaftlichen Resultaten, die über die bornierten Intentionen der Beteiligten hinausgehen.

 

Sendetermin
Sonntag, 18. April 2021 - 20:00 bis 22:00
Wiederholung
Freitag, 7. Mai 2021 - 14:00 bis 16:00
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